Rudolf Eucken an Vaihinger, Jena, 6.5.1884, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 p, Nr. 1
Jena 6/5 84.
Hochgeehrter Herr College!
Vor allem wollen Sie entschuldigen, daß ich neulich in der vielfachen Arbeit des Semesteranfanges Ihnen so flüchtig nur in den wenigen Zeilen der Postkarte schrieb[1]. Bei größerer Muße hätte ich Ihnen vor allem für Ihren inhaltreichen Brief vom vorigen Winter[2] über die Verwendung der Bilder bei Kant gedankt, Ihre Mitteilungen waren mir interessant und werthvoll; bei der Beachtung | der Bilder kommt in der That eine nicht unwichtige Seite des Denkprocesses zur Aufhellung, eine Seite, die allen denen von Bedeutung sein sollte, welche der Genesis der Begriffe und Systeme[3] nachgehen.
Daß ich die Besprechung des Zeller gewidmeten Werkes[4] zu übernehmen bereit bin, theilte ich Ihnen mit. Aber freilich müssen die Herren[5] große Nachsicht mit mir haben, denn ich bin weit entfernt davon[a], auf den verschiedenen Gebieten hinreichend heimisch zu sein. Aber wenn die Anzeige ungenügend aus|fällt, so mag ich die Hauptschuld tragen, aber etwas davon kommt auch auf Sie, verehrter Herr College, der Sie mich mit so freundlicher Energie und liebenswürdigem Vertrauen zu der Sache veranlaßt haben.
Hoffentlich geht und gefällt es Ihnen in Halle recht gut; vielleicht sehen wir uns auf der Professorenzusammenkunft in Kösen[6]; die Sie als Neueingetretener[7] jedenfalls mitmachen müssen.
Mit besten Grüßen Ihr hochachtungsvoll ergebener
R. Eucken.