Christoph Sigwart an Vaihinger, Tübingen, 28.6.1883, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 b

Verehrter College

Meinem besten Glückwunsch zu Ihrer Ernennung[1], die ich Ihnen in Gedanken schon längst zugeschickt hatte, füge ich nun gleich meinen Dank für die mir freundlich zugesandte Widerlegung Wittes[2] bei, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Fast ist es zwar zu viel Ehre für einen so wunderlich viel und nichts fertig denkenden Kopf; aber ich sehe wohl[b], daß Sie ihn gründlich ad absurdum[c] führen mußten, nachdem er einmal in dieser Form opponiert[d], und seinen Scharfsinn an einem so undankbaren Thema verschwendet hatte. Denn daß die Reihenfolge der Absätze so zusammengehören muß, wie | Sie sie vermittelst der Blattversetzung restituieren, ist, so einleuchtend, daß, nachdem Sie die Sache einmal aufgedeckt, eigentlich kein Streit möglich sein sollte; mag es nun zugegangen sein wie es will, daß die Sätze in dieser Ordnung gedruckt wurden, in der sie nicht gedacht sein können. Ein kleines Analogon zu Ihrer Restitution, nur mit dem Unterschied, dass der verworfene Text ganz sinnlos geworden war, gibt die Versetzung zweier Zeilen in Spinozas Tract[atus] theol[ogico-]pol[iticus] (ed[idit] Land[3] p. 480)[e][4] die freilich leichter zu erklären ist, u. die durch die höchst selten gewordene editio princeps[f][5] aufgedeckt werden konnte.

Ich hoffe daß Ihre Entlassung aus dem württemb[ergischen] Candidatenverband[6] u. seinen Verpflichtungen um die Sie, wie mir Buder sagte, jetzt einkommen | werden, keine Schwierigkeiten macht; von unserer Seite wird jedenfalls das Mögliche geschehen.

Mit den besten Wünschen für die Fortführung des Kant-Commentars[g] u. der Bitte Windelband[h] u. Laas gelegentlich zu grüßen – die Grüße durch den norwegischen Collegen Lyng[7] werden Sie wohl bestellt erhalten haben Ihr

C Sigwart

Kommentar zum Textbefund

aTübingen, 28 Juni 1883 ] links daneben mit Bleistift von Vaihingers Hd. (das Zeichen | zeigt Zeilenwechsel an): Herrn Prof. Dr. Windelband. | mit ergebenstem Gruße | sub. pet. remissionis. V. (etwaiges Begleitschreiben Vaihingers und Kontext nicht ermittelt)
bwohl ] kann auch voll heißen
cad absurdum ] in lateinischer Schrift
dopponiert ] danach gestrichen: hatte
eSpinozas … p. 480) ]  in lateinischer Schrift
feditio princeps ] in lateinischer Schrift
gKant-Commentars ] Kant Commentars
hWindelband ] mit Blaustift unterstrichen und am Rd. angestrichen

Kommentar der Herausgeber

1Ihrer Ernennung ] zum ao. Prof. in Straßburg, vgl. den Abschnitt Chronik biographischer Daten.
2Widerlegung Wittes ] etwaiges Begleitschreiben Vaihingers nicht ermittelt; vgl. Vaihinger: Eine angebliche Widerlegung der „Blattversetzung“ in Kant’s Prolegomena. In: Philosophische Monatshefte 19 (1883), S. 401–416; zur These Vaihingers vgl. ders.: Eine Blattversetzung in Kant’s Prolegomena. In: Philosophische Monatshefte 15 (1879), S. 321–332; für Wittes Antworten vgl. Witte, Johann Heinrich: Die angebliche „Blattversetzung in Kant’s Prolegomena“. Eine Kritik der Vaihinger’schen Hypothese. In: Philosophische Monatshefte 19 (1883), S. 145–174, sowie (auf Vaihingers Replik noch einmal) Witte: Prof. H. Vaihinger und seine Polemik. Ein weiterer Beweis der Unhaltbarkeit der von Prof. Vaihinger aufgestellten Hypothese einer „Blattversetzung“ in Kant’s „Prolegomena“, zugleich ein Beitrag zum Verständnis der Aufgabe von Kant’s Prolegomena und deren methodischer Lösung. In: Philosophische Monatshefte 19 (1883), S. 597–614.
3Land ] Jan Peter Nicolaas Land (1834–1897), Orientalist und Philosoph (WBIS).
4Versetzung … p. 480) ]  vgl. van Vloten, Johannes / Land, Jan Peter Nicolaas (Hg.): Benedicti de Spinoza Opera quotquot reperta sunt. Bd. 1. Den Haag: Martin Nijhoff 1882 (Digitalisat: https://archive.org/details/spinoza-benedictus-de-opera/ (29.2.2024)), S. 480 Anm.: Duobus versiculis iam in editione B permutatis, ab hoc inde loco usque ad verba [Kursivdruck:] Haec emendare [Kursivdruck Ende] orationis ordo turbatus erat.
5die höchst selten gewordene editio princeps ] o. g. Edition unterscheidet zwischen vier verschiedenen Drucken des Tractatus Theologico-Politicus aus dem Jahr 1670, deren zweiter bereits die erwähnte Umstellung enthalte, vgl. van Vloten / Land: Benedicti de Spinoza Opera quotquot reperta sunt, S. V–VI. Ein Exemplar des ersten Druckes befindet sich in der Sammlung Rare Books der Universitätsbibliothek Haifa (Younes & Soraya Nazarian Library), Signatur B3985 1670A, Digitalisat: https://haifa.userservices.exlibrisgroup.com/discovery/delivery/972HAI_MAIN:HAU/12171059480002791?lang=en (22.5.2024).
6Ihre Entlassung … Candidatenverband ]  meint einen Verein der theologischen Kandidaten zur Ausbildung für das Predigtamt, Näheres für Württemberg nicht ermittelt.
7norwegischen Collegen Lyng ] Georg Vilhelm Lyng (1827–1884), Philosoph und Religionshistoriker, 1869 Prof. für Philosophie in Oslo (WBIS; Norsk Biografisk Lexikon, online unter: https://snl.no/Georg_Vilhelm_Lyng (22.5.2024)).