Bartholomäus von Carneri an Vaihinger, Wien, 20.4.1883, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 12
Wien, 20. April 1883.
Hochverehrter Herr!
Heute erst, und auch heute nur in flüchtigster Weise kann ich Ihnen für Ihre zwei Briefe[1] danken. Seien Sie überzeugt, daß an dieser Saumseligkeit nur die rasende Hetze Schuld ist, in der ich lebe. Die Schulgesetz-Novelle[2] nimmt uns alle vollauf in Anspruch. Es kann sein, daß es sich bei der entscheidenden Abstimmung (dritte Lesung) nur um 2–3 Stimmen handelt; die Sache steht auf der Schneide. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber nicht ganz unmöglich, daß wir durchdringen, und das wäre nicht nur eine Niederlage der Regierung, sondern der nun am Ruder befindlichen Partei. Indirect arbeite ich da auch für Sie, denn ein Regierungswechsel ist die erste Bedingung zu Ihrer | Ernennung.
Damit Sie die Rede, die ich vorigen Dienstag[a] gehalten habe, genau wie ich sie gehalten habe lesen, sende ich Ihnen das stenographische Protokoll[3]. In den Zeitungen – sie erschien nahezu ganz in den Abendblättern[4] des selben Tages[b] und bei solcher Schnelligkeit kann man nicht mehr fordern – ist manches gekürzt und etwas anders gegeben. Seien Sie so gütig, sie den Herren Professoren Schmidt u. Goltz bei Gelegenheit mitzutheilen, und sie mir ja nicht zurückzuschicken.
Ihr Urtheil über meine Aufsätze ist mir unendlich werthvoll und ermuthigend. Wie gerne würde ich mich eingehender darüber aussprechen, aber ich muß schon an’s Schließen denken. Daß ich kein Schopenhauerianer bin, hätte ich unserem Finanz- und Sprachminister diesmal auch gesagt, aber es hätte mich zu weit geführt.
Laas kenne und bewundere ich, nur | geht er mir in seinen Schlußfolgerungen zu weit. So sehr haben wir die Zukunft der Menschheit nicht in der Hand, um in so bestimmter Form ihr Ziele zu setzen. Ich glaube, daß dies bei Laas daherrührt, daß er die Frage der Willensfreiheit nicht in den Vordergrund stellt und das Vorhandensein eines Verdienstes[5] im eigentlichen Sinne nicht entschieden bestreitet. Ihre Besprechung[6], die ich schon aus dem Kosmos kannte u. für deren Zusendung ich[c] Ihnen darum nicht weniger danke, ist vortrefflich. Wie enttäuscht war ich dagegen von Fritz Schultze’s zwei dicken, hin u. wieder rein berückenden, aber doch schließlich nur auf Täuschung angelegten Bänden: Philosophie der Naturwissenschaft[7]!
Ihre Angelegenheit verliere ich gewiß nicht aus den Augen; allein solang die Situation sich nicht ändert, bin ich ohnmächtig. Bleiben Sie nur gesund! Über das Glück, das zum Glücklichsein nothwendig ist, haben Sie ein nur zu wahres Wort gesprochen. Wie viel hätte Ihnen noch zu sagen Ihr aufrichtig ergebener
B. Carneri