Vaihinger an Bartholomäus von Carneri, Straßburg, 8.4.1883, 3 S., hs., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178308

Besten Dank, hochverehrter Herr, für die gütige Zusendung Ihres Artikels[1], der sich mit meiner Sendung vom 5.[2] d[es] Monats[a] unterwegs gekreuzt hat. Ich habe denselben mit großem Genusse[b] gelesen. Sie haben den Mittelweg zwischen den verschiedenen Extremen treffendst bezeichnet, wie Sie ihn ja in Ihren Schriften schon lange mit großem Erfolge eingeschlagen haben. Ich wäre begierig, Ihr | Urtheil über das Werk von Laas zu hören, das zwar in einer gewissen nüchternen Treberheit[3] geschrieben ist, aber das ich Ihrer Aufmerksamkeit mit gutem Gewissen empfehlen darf. Darin werden Sie auch den heftigen Kampf gegen das „Absolute“ finden, wie Sie ihn mit so großer Energie führen. Wahrscheinlich ist Ihnen dieses Werk noch unbekannt. |

Die gegebene Welt! Ja sich mit ihr begnügen und doch die höchste Form des ethischen Handelns zu erstreben – dies ist allein sittliche Mündigkeit.

Behalten Sie in gutem Angedenken Ihren herzlichst ergebenen

H. Vaihinger.

Kommentar zum Textbefund

aMonats ] Ms
bGenusse ] doppeltes s hier und im Folgenden mit ß geschrieben

Kommentar der Herausgeber

1Zusendung Ihres Artikels ] vgl. untenstehende Anspielung auf den Titel sowie Carneri: Die gegebene Welt. In: Kosmos 6 (1882), 12. Bd. von Oktober 1882–März 1883, S. 401–411 (Heft ausgegeben am 25.3.1883).
2meiner Sendung vom 5. ] enthaltend Vaihingers Rezension über Laas: Idealismus und Positivismus (1879/1882), vgl. Carneri an Vaihinger vom 20.4.1883.
3nüchternen Treberheit ] Treber: spelzige Rückstände des Malzes beim Brauen von Bier.