Benno Erdmann an Vaihinger, Kiel, 16.3.1883, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 m, Nr. 7
Kiel d. 16/3 83.
Geehrter Herr Dr.,
dass ich erst heut auf Ihre beiden Schreiben[1] ausführlich antworte hat seinen hauptsächlichen Grund darin, dass ich hoffte, in meinen eigenen wie auch in den hiesigen philos[ophischen] Verhältnissen klarer sehen zu können. Leider ist noch alles vollständig in der Schwebe, und die Lage ist so verwickelt, dass voraussichtlich noch Monate vergehen, ehe Entscheidungen reif werden. Wenn ich Sie um einen Gefallen bitten darf, so ist es der, über die Bresl[auer] Frage[2] zu keinem, auch nicht zu den nächsten Bekannten irgend etwas verlauten | zu lassen. Ich weiß, dass jede Kunde von meinen Gegnern ausgenutzt werden wird. So beschränke ich mich darauf, Ihnen mitzuteilen, dass die Gerüchte, die Sie in Ihrem letzten Schreiben erwähnen, unzutreffend sind.[a]
Dass die vorhandenen Vacanzen auch zu einer Stellung für Sie führen werden, hoffe ich bestimmt, wie, das ruht allerdings vorläufig noch im Schooß[b] der Götter.
Auch hier liegt noch alles im Weiten. Es ist für die Berufung der Stelle Thaulows[3] noch nicht einmal eine Commission erwählt. Deshalb muss ich unterlassen, von mir aus irgend welche Mitteilungen zu machen über das, was hier zweckmässig erscheinen würde. Es kommt hinzu, dass ich selbst noch nicht Entscheidungen für mich treffen | kann, da keine Basis vorliegt, die irgend gesichert wäre.
Für Ihre Nachrichten über Windelband[4] bin Ihnen sehr verbunden. Ich hatte von seiner Stellung gegen mich keine Ahnung.[c] Liebmann habe ich schwer gereizt durch meine Analyse seines Raumaufsatzes[5] in den Axiomen. Von Ihren Nachrichten habe ich bisher nicht irgend welchen Gebrauch gemacht. Ich ziehe es vor, meinerseits in den Gang der Dinge nicht einzugreifen. Sicher ist mir nur, dass ich eine in collegialer wie Lehr-Hinsicht höchst werte Stellung verlieren kann, obgleich die Minorität, die in Br[eslau] für mich war, die Besten der Facultät unter sich zählt.
Einen Aufsatz über Pölitz’ Metaphysik[6] erwarte ich jeden Tag in den Abzügen; eine Fortsetzung der Logischen Studien[d][7] wird | – wie ich hoffe zusammen mit Ihrer Recension[8] – das nächste Heft von Avenarius bringen.
Mit den besten Wünschen für Ihre Stellung und Ihre Studien, und der Bitte, mir sichere Mitteilungen, die mich betreffen, freundlichst auch fernerhin zugehen zu lassen, bleibe ich in aufrichtiger Hochachtung Ihr ganz ergebener
B Erdmann