Vaihinger an Bartholomäus von Carneri, Straßburg, 4.3.1883, 12 S., hs., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-178307
Straßburg 4.III.83.
Hochverehrter Herr!
Sie mögen sich über mein langes Schweigen wohl recht verwundern; aber in die erste Zeit derselben fiel Ihre angestrengte politische Thätigkeit; dann war ich einige Zeit lang unwohl und nun bin ich seit einer Weile intensiv beschäftigt. Aber wie oft habe ich Ihrer mit herzlicher und dankbarer Anhänglichkeit gedacht. Mit höchstem Interesse[a] habe ich Ihre im Reichsrath gehaltene Philippica[1] gelesen und überhaupt die früheren und späteren Verhandlungen; und ich habe seitdem begonnen, mich mit oesterr[eichischer] | Geschichte zu beschäftigen, um die jetzige Lage aus der Vergangenheit zu begreifen. Ihre Rede fand, wie ich aus den mir zugänglichen Zeitungen constatiren konnte, einen weithin reichenden begeisterten Widerhall; freilich wird es auch an heftigen Invectiven nicht gefehlt haben. Ihre hiesigen Freunde, voran Prof. Schmidt, haben diese Verhandlungen mit Spannung verfolgt – alle deutschen Zeitungen haben Auszüge aus Ihrer Rede gebracht[b]: man las Ihren Namen überall. Ebenso erregte das ungarische Mittelschulgesetz in Deutschland allgemeinste Aufmerksamkeit; wir haben hier auf dem Lesezimmer auch das siebenbürgische Blatt, in | welchem es leicht war, der ganzen Verhandlung zu folgen. Ich lese die Neue Freie Presse, welche man in Deutschland überall findet, regelmäßig, und halte mich so mit Allem immer auf dem Laufenden. Der Neuen Freien Presse freilich passirte es, in einer Besprechung Ihrer Rede Sie als „Anhänger Schopenhauers“[2] zu charakterisiren[c].
Daß jetzt für Schopenhauer ein Denkmal in Frankfurt[3] errichtet werden soll, werden Sie wohl auch gelesen haben. Ich glaube, daß auch aus Oesterreich viele Beiträge fließen werden: denn der culturelle Einfluß desselben ist doch ganz unübersehbar: ich meine zunächst „der Einfluß“; ob dieser Einfluß gün|stig war, ist ja eine andre Frage. Sacher-Masoch ist jedenfalls stark von ihm beeinflußt.[d] Merkwürdig sind mir über diesen Mann die entgegengesetzten Urtheile von Professor Schmidt und Professor Janitschek. Während letzterer in sehr hochhält, ist für den Ersteren kein Ausdruck stark genug, um ihn zu brandmarken; und doch stehen diese beiden Beurtheiler auf demselben politischen Standpunkt: denn es handelt sich dabei wesentlich um die durch politische Haltung bedingte Beurtheilung. Ich selbst kenne von Sacher-Masoch fast gar nichts und warf nur hie und da einen Blick in seine Zeitschrift[4].[e] |
Da[f] ich in Gratz[g] Gymnasialpädagogik zu lesen hätte[h], so beschäftige ich mich jetzt eingehend mit diesem Fache, natürlich mit besonderer Rücksicht auf Oesterreich. Unsere Bibliothek besitzt viel darauf bezügliches Material, besonders auch die ministeriellen Veröffentlichungen. Ich stehe noch an den allgemeinen Vorfragen, und bin noch nicht genügend ins Detail eingedrungen: sonst würde ich mir erlauben, über einige Punkte um Ihre Ansicht zu fragen. Sollte ich dazu kommen, einmal wirklich in Graz dieses Colleg zu lesen, so würde ich natürlich die specifisch oesterreichischen Verhältnisse ganz besonders berücksichtigen[i]; freilich fühle ich wie nothwendig es wäre, zuvor die wichtigsten Anstalten zu besuchen. | Auch könnte ich meine diesbezügliche Vorbereitung viel eingehender einrichten, wenn ich die Berufung sicher hätte. So muß ich immer zugleich auf andre Umstände Rücksicht nehmen, anstatt mich mit aller Kraft auf Eines zu werfen; zumal die gymnasialpädagogischen Fragen eine ungeheure Literatur aufweisen; auch kann in diesem Gebiet eine einzige Verordnung oder Änderung die einschneidensten Folgen haben, wie z. B. in Deutschland, resp. Preußen die Zulassung von Realschulabiturienten zu Einigen Universitätsfächern. Und in Oesterreich werden diese Fragen wohl auch über kurz oder lang brennende werden, und dann gilt es, parat zu sein.[j] |
Auf Ihren Aufsatz „Staat und Sittlichkeit“[5] bin ich noch nicht genauer eingegangen ich thue es daher jetzt nachträglich. Ich habe ihn mit hohem Interesse studirt und mit wachsendem Vergnügen die Übereinstimmung unserer Ansichten constatirt.[k] Besonders freute mich, daß Sie dem noch immer landläufigen Optimismus in Bezug auf die menschliche ursprüngliche Natur entgegentreten[l] und das radicale Böse anerkennen. Doch war mir schon aus Ihrer „Grundlegung der Ethik“[6] bekannt, welche Stellung Sie hierin einnehmen; dort nehmen Sie ja S. 137 ff., 178, 241, u. ö. dieselbe Position ein. Ebenso findet sich daselbst auch S. 389 ff. die fundamental wichtige Unterscheidung von Staat und Gesellschaft angelegt[m], welche in Ihrem | Aufsatze weiter ausgeführt ist. Ihre ethische Auffassung des Staates theile ich vollständig, sowie die Überzeugung, daß derselbe nicht blos dazu ist, um auf seiner höchsten Stufe – wie die beliebte Redensart heißt – „sich selbst aufzuheben“[7]; denn, wie Sie richtig sagen: „Mit seinen Irrthümern und Trieben haben wir den Menschen zu nehmen.“[8]
Was Sie über den „Kampf ums Glück“ sagen (in dem Aufsatz zur Glückseligkeitslehre), habe ich auf mich selbst angewandt[9]; bes[onders] S. 245/6, herzlichst bedauernd, in diesem Kampf noch immer Kämpfender, und noch kein Siegender zu sein. An der „Arbeitslust“ fehlt es mir am allerwenigsten, wohl aber an jener „erträglichen Lage“[n], | ohne[o] welche geistige Arbeit nicht möglich ist. Es ist ein irreparabler Schaden, den die Wissenschaft dadurch erleidet, daß ich noch keine feste Position habe. Meine Kantarbeit[10], in welcher[p] ich im letzten[q] Sommer mitten darin stand, ist abgebrochen[r], der letzte Winter nahm mir alle Kraft zur Arbeit, ich war froh, mein Colleg[11] halten zu können, und jetzt bin ich mit anderen Sachen beschäftigt, weil es die Verhältnisse so verlangen. Es ist unverantwortlich von der hiesigen Regierung, daß man nicht zur rechten Zeit mir eine Stellung schuf (was so leicht gewesen wäre), während doch die ersten Autoritäten einig darin sind, daß die Weiterführung meines Werkes[s] ein hohes Interesse der Wissenschaft ist.[t] In 10 Jahren wird man das noch viel mehr aner|kennen, obgleich es schon jetzt allgemein genug anerkannt ist. Ebenso leidig ist, daß die oesterr[eichische] Regierung sich nicht entschließt. Ob sie diesen Sommer die Ernennung[u] perfect machen wird? Oder sollte sie auch noch den nächsten Winter die Stelle in Graz unbesetzt lassen? Es ist wahrhaft peinlich; denn ich muß mich deshalb bei jeder neuen Vakanz betheiligen und doch haben wir hier in Deutschland eine so starke Concurrenz. In einem solchen Zwischenzustande, unter den gegebenen Verhältnissen zu arbeiten, ist rein unmöglich. Welchen Schaden hat schon so oft die Wissenschaft durch solche Verzögerungen erlitten! Wie viel Opfer haben diese deutschen Universitätsverhältnisse schon verschlungen![v] Wie | viele Fälle weiß ich, wo die besten Kräfte gekränkt und vernichtet worden sind. Das ist ein trauriges Capitel, von dem ich nicht gerne anfange: es ist nicht zu endigen. Wenn man Solches mit ansehen und miterleben muß, begreift man das entsetzliche, aber wahre Wort von der „Ruchlosigkeit des Optimismus.“[12]
Indessen, um Ihr eigenes Wort zu variiren[13]: „Weil man nicht Optimist ist, ist man noch kein Pessimist“[w] (Zur Glücks[eligkeitslehre] S. 245).
In einer Zeit, in welcher ich psychologisch am tiefsten darniederlag, habe ich den beifolgenden Aufsatz[14] geschrieben: mögen Sie ihn daher billig beurtheilen[x]; ich denke doch in normalen Verhältnissen Bedeutenderes leisten zu können. |
Mit Interesse lese ich, daß im Sommer in Graz große Festlichkeiten aus Anlaß des Habsburger Jubiläums[y][15] stattfinden werden. Wie gerne würde ich daran theilnehmen!
Erfreuen und ehren Sie mich bald durch Mittheilungen, insbesondre über Ihre literarischen Beschäftigungen.[z]
In inniger Verehrung Ihr herzlich ergebenster
H. Vaihinger.