Hermann Siebeck an Vaihinger, Basel, 31.12.1882, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 a
Verehrter Herr College,
Ganz im Vertrauen und sub sigillo[1] schicke ich Ihnen, um Sie wenigstens vorläufig zu orientiren, den umstehenden Brief[2] Glogau’s, um dessen Rücksendung ich Sie ersuche. Ihr B[aseler] Concurrent ist Dr. Bolliger hier[3], der Verf[asser] des Anti-Kant, für den ich ein Gutachten abzugeben veranlaßt worden bin, was ja nun, der Wahrheit gemäß, auch[a] nicht so ungünstig lauten konnte. In jedem Falle sind Sie in erster Linie empfohlen.
Wenn Sie einen oder einige Ihrer früher gehaltenen Vorträge (einer war, glaube ich über das kosmologische Problem), sowie Ihren Aufsatz im Ausland über das Nachahmen[4] mir zur Beförderung an Gl[ogau] könnten | zukommen lassen, so würde das bei einer Persönlichkeit wie Kappeler[5] jedenfalls gute Wirkung thun.
Sollten Sie „provisorisch“ berufen werden, so müssen Sie sich an diesem Ausdrucke nicht stoßen. Es ist das so eidgenössische Sitte und nicht weiter gefährlich. Glogau war auch „provisorischer“ Professor. Bedeutet doch auch die definitive Anstellung in Zürich immer, daß man alle 6 Jahre wieder bestätigt werden muß, was auch stets geschieht.
Für Ihre Auskunft über die Breslauer Angelegenheit[6] danke ich Ihnen herzlich und verbleibe mit dem Wunsche, daß das neue Jahr Ihnen den Erfolg und die Anerkennung nicht länger vorenthalten möge.
Hochachtungsvoll Ihr ergebener
H. Siebeck.
Basel, Silvester 82.