Anton von Leclair an Vaihinger, Prag, 6.4.1882, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. 7
Prag d. 6. April 1882.
Lieber Freund!
Die Corr[ektur][a]-Streifen[1] folgen unter Kreuzband[b]. An dieser Sendung[c] wird mir erst recht die gewaltige Größe Ihrer[d] Arbeitsleistung klar. Wenn es Ihnen gelingt, in dem gleichen tenor[e] die Untersuchung über das ganze Lehrgebäude der Kritik der reinen Vernunft[f] u. alle einspielenden Specialthemen auszudehnen, dann haben Sie der philosoph[ischen] Selbstbesinnung der Gegenwart einen großen Dienst geleistet, ihr mächtig Vorschub geleistet. Dies scheint mir der Weg, der zur Wissenschaft der Philosophie führt. Allein er ist noch weit u. schwierig, zumal Sie sich selbst so hohe Ansprüche gestellt haben. Ich wünsche Ihnen Kraft, Geduld u. aufmunternde Anerkennung zur weiteren Arbeit u. Vollendung[g].
Ihre[h] methodologische Erörterung[i] würde mich noch mehr befriedigen, wenn auch noch der Begriff des Erklärens selbst[j] aufgehellt würde. Da er mehrdeutig ist, verdiente der hier passende Sinn dargelegt zu werden.
Das psychol[ogische] Factum[k] der Evidenz d[er][l] Math[ematik] führt[m] auf d[em] analyt[ischen] Wege zu seinen Bedingungen.[n] Inwiefern „erklären“ diese jenes? Wie[o] verhält[p] sich die Evidenz der „erklärenden“ Einsichten zu der erklärten Evidenz? Ein[q] Unterschied muss bestehen u. dieser verdient | hervorgehoben zu werden. Warum fordert die Evidenz der „Erklärungsgründe“ nicht auch wieder zu einer Erklärung auf?[r][s] Warum beruhigen wir uns bei dieser Instanz? Diese Fragen empfehle ich zur Erwägung. Im Fortgang des Commentars werden sich noch genug Anlässe finden, auf diesen Punkt einzugehen; vielleicht könnten Sie, um nicht hier den Satz zu stören, diese Erörterung wenigstens in Aussicht stellen. Der Begriff des Beweisens ist viel weniger schwierig, er ist möchte ich sagen: weit hausbackener als[t] der andere.
Auf Str[eifen] 8 (bei meiner Corr[ektur] ⌈ 4[2]) ist wohl §. 5 init.[u] zu tilgen, denn es werden da nur Stellen aus §. 4 citirt.
Ich bitte Sie mir fernerhin Ihr Vertrauen zu schenken u. mir jederzeit, wenn erwünscht, die Corr[ektur]-Str[eifen] zu schicken. Wie Sie sehen, fehlt es meinerseits nicht an Promptheit. Nur fürchte ich, dass Sie von mir größere Erwartungen hegen,[v] als ich rechtfertigen kann. Mit herzlichstem Gruß u. freundschaftl[ichem] Händedruck Ihr
Leclair