Friedrich Paulsen an Vaihinger, Berlin, 23.3.1882, 7 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–2
Berlin 23/3 82
Derfflingerstr 14
Geehrtester Herr College![a]
Ihre gefällige Zusendung[1] hat mich einigermaaßen überrascht. Ich war gar nicht darauf gefasst[b], daß Sie in meiner Anzeige[2] eine geringschätzige Kritik Ihres Werkes erblicken würden, auf welches mit einer Antikritik zu antworten notwendig sei.[3] Ich war überhaupt nicht darauf gefasst[c], daß das Manuskript in Ihre Hände kommen würde. Sie müssen mir erlauben ein Wort über die Entstehungsgeschichte der Anzeige vorauszuschicken.
Im Sommer des vorigen Jahres kam mir Ihr Commentar[4] zu Gesicht. Ich blätterte ihn durch u. fand jene Bemerkungen über | die sogenannte ‚Paulsen-[Benno] Erdmannsche Controverse‘[5]. Ich bat [Richard] Avenarius[6], mir eine Seite der Zeitschrift zur Verfügung zu stellen, um darauf zu sagen, inwiefern mir der eigentliche Kernpunkt der Streitfrage dort so wenig als in andern (besonders auch [Benno] Erdmanns eigenen) Darstellungen getroffen zu sein schiene. Er erwiderte mit der Bitte, lieber das ganze Werk anzuzeigen. Erst[d] durch[e] die[f] wiederholte Bitte ließ ich mich dazu bestimmen. Meine Arbeiten liegen gegenwärtig auf ganz anderem Gebiet u. deshalb sträubte ich mich eine Art Verpflichtung[g] für das ganze Werk zu übernehmen. – Ich wollte zuerst das Werk gleich besprechen u. hatte es in die Sommerferien mitgenommen; legte es aber zurück, um auf die Fortsetzung[7] zu warten, da ich sah, daß der Anfang zu wenig von dem Commentar selbst enthalte, um ein Urteil zu gestatten. Beim Anfang der Osterferien hatte ich die Fortsetzung | noch nicht in den Händen. Da[h] mir nun[i] eine unerledigte Verpflichtung dieser Art ähnlich wie eine Briefschuld ein peinigendes Gefühl verursacht, so entschloß ich mich, den Halbband[j] allein anzuzeigen: war[k] er allein in die Öffentlichkeit[l] getreten, so mußte er sich selbst eine gewisse Selbständigkeit zutrauen. Ich schickte die Anzeige gleich an Richard Avenarius[m] mit der Bitte, sie nun gleich zu veröffentlichen, da Ihnen vielleicht erwünscht sein könnte, auf ein paar Punkte in der Fortsetzung einzugehen.
Richard Avenarius[n] hat nun ohne mein Wissen Ihnen das Manuskript geschickt[8]. Er hat es mir erst nachträglich mitgeteilt. Daß es geschehen ist, mag ich nun, nach Ihrer Äußerung über dasselbe, nicht bedauern. Da Sie darin eine feindselige Kundgebung erblicken u. ich keinen erheblichen Werth darauf lege, so wird es mir nicht schwer, Ihrem Wunsch | zu entsprechen, u. das Manuskript überhaupt unveröffentlicht zu lassen.
Daß Sie nun die Anzeige als einen Angriff empfinden, daß Sie ‚Animosität‘ darin bemerkt haben wollen, ist mir nicht faßlich[o]. Ist es das Baconische Citat[9], was Sie irritirt hat? Ich habe es ausgestrichen, weil ich diese Wirkung für möglich hielt. Gemeint war damit: mir wird von Ihnen, wie von Anderen, Einseitigkeit vorgeworfen[10]. Vielleicht trifft mich der Vorwurf, namentlich die erste Darstellung (in der[p] Entwicklungsgeschichte[11]): ich kehre bloß die eine Seite hervor, weil sie die übersehene war. Wenn Sie m[einen] Aufsatz in der Vierteljahrschrift[q] V,1[12] einsehen wollen, werden Sie[r] finden, daß meine Auffassung der Kantischen Philosophie (dort war bloß von der Erkenntnißtheorie die Rede) vielleicht alle möglichen Mängel hat, aber nicht den der[s] einseitig rationalistischen | Deutung. Ich will aber jenen Vorwurf der Einseitigkeit gar nicht ablehnen: ich nehme die Einseitigkeit, mit jenem Bacon[ischen] Wort, als eine Art von Verdienst in Anspruch.
Soviel hierüber. Was die Anzeige im Übrigen anlangt, so will sie 1) den Leser orientiren über den Inhalt des ersten Halbbands 2) den Plan, soweit er erkennbar ist, aus der Vorrede u. dem Stück[t] der Ausführung, zum Gegenstand einer Betrachtung machen, die freilich in Zweifeln an der Zweckmäßigkeit besteht. Diese Zweifel sind durch Ihre Anmerkungen nicht beseitigt worden, aber wie gesagt ich lege keinen Werth darauf sie dem Publicum vorzutragen. – Dagegen lehnt sie ausdrücklich ab, aus dem Bruchstück[u] ein Urteil über die Ausführung zu fällen: sie nennt[v] einige Zusammenstellungen dankenswerth; ist das zu geringschätzig? Sie nennt | die Darstellung der Einleitung präcise u. zutreffend, ist das geringschätzig? Sie machen auf eine Anzahl Partieen[w] aufmerksam, die ich zu beachten unterlasse – es war keineswegs m[eine] Absicht, alles, was der Leser in dem Buch finden kann, im Auszug mitzuteilen.
Dagegen habe ich etwas ausführlich die Punkte[x], die ich für wesentlich halte bei jeder Interpretation dieses Werkes, bezeichnet. Es wird mich sehr freuen, in der Fortsetzung zu finden, daß die Hervorhebung dieser Punkte Ihnen gegenüber nicht nötig war. Andern gegenüber scheint sie mir noch sehr notwendig, so[y] z. B. auch [Benno] Erdmann. U[nd] Ihre Behandlung der Einleitung, soweit sie vorliegt, beruhigte mich keineswegs hierüber.
Auf eine Erörterung weiterer Einzel|heiten einzugehen, scheint mir, ist[z] nicht durchaus notwendig, u. so beschweren wir uns wohl besser nicht mit einer langen brieflichen Besprechung derselben.[13]
Mit vollkommener Hochachtung zeichnet[aa] Ergebenst
Paulsen.
Ihre Antikritik schicke ich mit Riehls Brief[14] sogleich an Richard Avenarius[ab].