Anton von Leclair an Vaihinger, Prag, 9.3.1882, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. 6

Lieber Freund!

Wie die angebrachten Correcturen[a][1] beweisen, habe ich d. Excurs[b] mit größter Aufmerksamkeit[c] durchgelesen; es ist mir eigen, dass sich mir auch bei größter Vertiefung in den Sinn u. Gedankengang einer Schrift die typograph[ischen] Gebrechen gleichzeitig aufdrängen.

Ich mache Ihnen[d] kein leeres Compliment, wenn ich Ihnen zu dieser sprechenden Probe von Scharfsinn im Bunde mit eiserner Ausdauer gratulire. Ich finde nichts zu bemerken, bin mit allem einverstanden; viell[eicht] sind Sie enttäuscht darob, aber viell[eicht] nicht ganz unangenehm enttäuscht. Ich ersehe, dass ich zu Weihnachten den Sinn Ihrer Fragen richtig erfasst habe u. dass schon damals in dem Wenigen, was ich zu äußern Gelegenheit hatte[2], zwischen uns Übereinstimmung[e] herrschte.

Viell[eicht] kommt mir deshalb, weil mir diese Gedankenreihen schon so vertraut sind, die Darstellung etwas zu breit vor; sollte dies aber überhaupt ein Fehler sein, so ist dieser jedensfalls[f] 10mal besser als der entgegengesetzte. – In d[er] 2. Sendung[g] kenne ich mich mit der Nummerirung[h] der An|merkungen[i] nicht recht aus. – –

Die „Beiträge zu einer monistischen Erkenntnistheorie[j][3] werden im Mai ins Programm unserer Anstalt gedruckt.

In die Wiener „Zeitschr[ift] f[ür] d[as] Realschulwesen“ habe ich eine ausführl[iche] Anzeige von Rehmke’s Buch geschrieben.[4] Sie haben ihm in der Deutschen Literaturzeitung[k] übel mitgespielt.[5] Ich gehe zwar auch nur ein Stück weit mit ihm.[l]

Es ist nicht unmöglich, dass ich im Juli in d[ie] Schweiz komme. Wär[m] es denkbar, dass wir uns irgendwo träfen? Etwa in Basel? Ich fürchte, Sie sind um die Zeit noch nicht frei.

Nun leben Sie recht wohl! Muth u. Ausdauer zur Vollendung[n] Ihres verdienstl[ichen] u. schwier[igen] Unternehmens!

Es drückt Ihnen herzl[ich] die Hand Ihr

A. Leclair

Kommentar zum Textbefund

aCorrecturen ] in lateinischer Schrift
bExcurs ] in lateinischer Schrift
cAufmerksamkeit ] Aufmerksamkt
dIhnen ] hier und im Folgenden Anredepronomen in lateinischer Schrift
eÜbereinstimmung ] Übereinstimmg
fjedensfalls ] so wörtlich
gSendung ] Sendg
hNummerirung ] Numerirung
iAnmerkungen ]  Anmerkgen
jzu einer monistischen Erkenntnistheorie ] z. e. mon. Erkts.
kder Deutschen Literaturzeitung ] d. D. Literztg
lmit ihm. ] nach dem Absatz eine Zeile frei gelassen
mWär ] kann auch Wäre heißen, möglicherweise Textverlust am Rd. der Seite
nVollendung ] Vollendg
oInselgasse 4. ] darunter (am Ende der Seite) mit Bleistift, in lateinischer Schrift von Leclairs Hd.: In Eile!

Kommentar der Herausgeber

1die angebrachten Correcturen ] liegen nicht bei, aus dem Folgenden zu (vermutlich Korrekturbogen) eines Teils der 2. Lieferung von Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Zum hundertjährigen Jubiläum derselben. Bd. 1. Stuttgart: W. Spemann 1881 [2 Lieferungen 1881/1882]; vgl. von Leclair an Vaihinger vom 24.10. und vom 26.11.1881 sowie vom 6.4.1882.
2zu Weihnachten … Gelegenheit hatte ]  etwaige Schreiben Vaihingers und von Leclairs nicht ermittelt.
3„Beiträge z. e. mon. Erkts.“ ]  vgl. von Leclair: Beiträge zu einer monistischen Erkenntnistheorie. Breslau: Wilhelm Koebner 1882. Digitalisat: https://www.google.de/books/edition/Beitr%C3%A4ge_zu_einer_monistischen_Erkenntn/8TFVAAAAMAAJ?hl=de&gbpv=1 (11.1.2024).
4In die Wiener „Zeitschr[ift] f[ür] d[as] Realschulwesen“ habe ich eine ausführl[iche] Anzeige von Rehmke’s Buch geschrieben. ] vgl. von Leclair: Eine monistische Erkenntnistheorie. In: Zeitschrift für das Realschulwesen 7 (1882), S. 142–158, sowie Rehmke, Johannes: Die Welt als Wahrnehmung und Begriff. Eine Erkenntnisstheorie. Berlin: G. Reimer 1880. Digitalisat: https://www.google.de/books/edition/Die_Welt_als_Wahrnehmung_und_Begriff/DpQwAAAAYAAJ?hl=de&gbpv=0 (16.1.2024).
5Sie haben … mitgespielt. ]  vgl. Vaihinger: Rezension: J. Rehmke, Die Welt als Wahrnehmung und Begriff. Eine Erkenntnistheorie. Berlin, G. Reimer, 1880. VIII und 323 S. gr. 8°. M. 5. 638. In: Deutsche Litteraturzeitung 2 (1881), Nr. 11 vom 12.3.1881, Sp. 396–398.