Carl du Prel an Vaihinger, München, 27.2.1882, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 6 p, Nr. 3
München 27.II.82.
Briennerstr. 36.
Verehrter Freund!
Auf früheres Verlangen hin[1] sende ich Ihnen einen neuen Aufsatz[2], der die Metaphysik des Traumes einleiten soll. Die Zurückstellung an Sie auf dem Wege Schricker[3] – Max[4] – Roffhack[5] werden Sie sicherer bewerkstelligen können als ich auf dem gleichen Wege die Zustellung an Ihre schließliche Adresse. Als belesenen Mann muß ich Sie nun aber um die Titel einiger Bücher bitten, aus welchen ich mich am besten über den gegenwärtigen Stand der Probleme: Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Alternirendes Bewusstsein orientiren könnte.[a] Gerade weil ich ohnehin ein solches Bücherkrokodil sein muß, möchte ich Ihre Hülfe in Anspruch nehmen, damit ich nicht für jeden Gegenstand einen Berg abtragen muß, um einen Goldkorn zu finden. |
Ferner ist es mir peinlich, Ihrem Verleger noch keinen Recensionsbeleg[6] senden zu können. Sie wissen ja, wie es geht. Nach meiner jüngsten Erfahrung wäre es sogar möglich, daß mir die Hälfte des Geschriebenen gestrichen wird. Ihre auf vergangenen Oktober angekündigte 2te Lieferung[7] wird nun hoffentlich bald erscheinen. Ich habe für Sie eine größere Anzahl von Recensionsexemplaren, d. h. v[on] Exemplaren meiner Recension bestellt. Ich denke, daß Ihre langwierige Arbeit das beste Fundament liefern soll, auf dem Sie als dann Ihr[b] eigenes System aufbauen können. Inzwischen werde ich an dem Meinigen herum meißeln mit dem Bewußtsein[c] daß die Füße dessen schon vor meiner Thüre sind, der mich hinaustragen wird – es gelingt mir nur selten, die Bibel richtig zu citiren; Sie erkennen vielleicht gleichwohl das Citat[8].
Sollten Sie Ihre vorigjährigen Anfragen[9] nach e[iner] Sommerfrische heuer wiederholen, | so würde ich Ihnen den Barmsee[10] bei Mittenwald (Oberbaiern) verrathen – eine Idylle.[d] Bekannt war mir dieselbe schon früher; aber erst jetzt steht dort ein gutes Gasthaus. Vielleicht treffen wir uns dort, was mir um so angenehmer wäre, als ich hier gar keinen philosophischen Umgang habe.
Wo steht bei Baader die Behandlung der analogia cognoscendi et generandi[11]? Ich habe darüber einigen Stoff beisammen; den ich vor den „Planetenbewohnern“[12] hätte behandeln sollen, die alsdann auf festerer empirischer Basis stehen würden.[e]
Ist die Professur noch nicht in Sicht?
Semper idem[13]
du Prel