Anton von Leclair an Vaihinger, Prag, 10.6.1881, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. 3
Prag 10. Juni 1881.
Sehr geehrter Herr!
Schönen Dank für die Zusendung des Blattes mit Ihrer[a] den Kant-Text betreffenden Notiz[1]. Sie freut mich insbesondere deswegen, weil sie beweist, dass Sie meiner noch gedenken. Sie werden es als Genügsamkeit[b] belächeln, wenn ich ein solches anspruchloses Lebenszeichen seitens eines philos[ophischen] Fachgenossen als Labsal in d[er] Wüstenei meines Berufslebens begrüße. Ich glaube Ihnen noch nicht mitgetheilt zu haben, dass ich – um der lieben Existenz willen – Gymnasiallehrer bin – schon 9 Jahre. Das genügt nun aber noch nicht: man muss noch durch Stundengeben die Existenz zu einer menschenwürdigen zu erheben trachten u. da bleibt mir z. B. heuer f[ür] d[ie] Philos[ophie] ein minimum[c] an Zeit. Das verdüstert mich oft, um so mehr, als die Aussicht gering ist, durch fortgesetzte Publicationen die äußeren Schwierigkeiten zu besiegen, die einem Wechsel des Beru|fes dermalen entgegenstehen. Im Oct[ober] 1879 machte ich einen einleitenden Versuch u. reichte an d[ie] hies[ige] Facult[ät] ein Habilitationsgesuch ein, dessen Belege von Carl Stumpf u. Otto Willmann[2] mit brusquer Geringschätzung als zu wenig ausreichende Belege für die Docentur-Befähigung beurteilt wurden[d], worauf ich – allerdings gegen den Rath einflussreicher Facultätsmitglieder[3] – das Gesuch zurückzog: und nun drille ich legam, legas[e], legat, legamus[4] etc.[f] weiter.[g] – Sie werden sich meinen Frohsinn vorstellen können. In den bevorstehenden Ferien gewinne ich allerdings Zeit u. zw.[h] warten schon auf mich zwei Referate über Erkenntnistheoretisches[5].
Sie sind, wenn mich nicht Alles trügt, näml[ich] nach Ihrem ausgiebigen Arbeiten zu schließen, ein glücklicher Mann. Für mich ist es eine kaum f[ür] d[ie] Phantasie vorstellbare Lage, ausschließl[ich] in jenem Beruf sich zu bethätigen, für den man Herz u. Sinn u. vorwiegende Anlage | hat. – Mit hohem Interesse las ich von Ihrem Kant-Commentar[6]. Vielleicht interessirt es Sie zu erfahren, dass ich mich seit langem mit dem Plane zu einem umfassenden exegetisch-kritischen Commentar zur Kritik der reinen Vernunft[i] trage. Sie kommen mir nun[j] zuvor u. werden mir vielleicht die Mühe ersparen, an die Verwirklichung[k] jenes Planes zu gehen. Ihr Unternehmen ist wahrhaft zeitgemäß u. geeignet, in weiten Kreisen mit Beifall aufgenommen zu werden. Einerseits ist Kant’s Autorität – zumal jetzt wieder – so bedeutend, – andrerseits seine Meinung oft so wenig deutlich u. „unmissverständlich“ (Schuppe!), dass Sie gewiss sein können, um Ihre Arbeit eine ganz bunte Lesergesellschaft versammelt zu sehen u. zw[ar] eine weit zahlreichere, als wenn Sie die Resultate Ihrer kritischen Commentation in selbständiger Entwickelung[l] u. Darstellung[m] vortrügen. Ich bin sehr gespannt, in welcher Weise Sie den | Commentar durchführen.
Bezügl[ich] Classen’s[7] haben Sie in Ihrer Erwiderung[n][8] recht. Referiert er denn überhaupt über meine Arbeit[o]? Er liest stellenweise seine eigenen Überzeugungen, an denen wahrscheinlich nichts mehr zu ändern ist, heraus u. stellt sie in den ihm längst geläufigen Formeln dar.
Eigentüml[ich] ist in d[er] philos[ophischen] Litteratur die Stellung B. Erdmann’s. Mir fällt bei dem jungen Mann der dictatorisch-vornehm-absprechende Ton auf, den er nahezu auf allen philos[ophischen] Gebieten anzuschlagen beliebt, als ob er überall bewährter u. anerkannter Meister wäre. Was halten Sie von ihm? – Man nehme z. B. seine Anzeige der Wundt’schen phys[iologischen] Psych[ologie] im deutsch[en] Litteraturblatt[9]! –
Nun leben Sie recht wohl u. seien Sie versichert der herzlichsten Theilnahme f[ür] Ihre wissenschaftliche Thätigkeit[p] u. der freundschaftlichsten Ergebenheit seitens Ihres
Dr. A. Leclair
Inselgasse 4.