Berthold Auerbach an Vaihinger, Niedernau, 27.9.1879, 3 S., hs., Briefkopf Prägestempel B. A., Staats und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 1 k
Niedernau[1] 27. Sept[ember] 79.
Werthester Herr Dr
Herzlichen Dank für Ihren Brief und Ihre Goethe-Schrift[2]. Ueber diese möchte ich gern mit Ihnen sprechen, denn zum Schreiben ists zu viel; auch über die Arbeitspflicht als modernes ethisches Prinzip wäre Sprechen besser. Doch glaube ich Ihnen schon jetzt kurz sagen zu sollen, daß ich selber zu einer theoretischen Darlegung mich nicht geeignet fühle. Ich bleibe am möglichsten in der poetischen Fassung u. da werden Sie doch in meinem neuen Buche[3], | das Anfangs nächsten Monats erscheint, finden, daß ich die Arbeitsscheu als eine Grundquelle des Pessimismus faßte. Ich möchte aber überhaupt sagen, daß Arbeit als solche nicht Prinzip der Ethik sein kann, vielmehr wird zu erweisen sein, wie sich die Ethik zur Arbeitspflicht verhält. Und hier möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen. Schreiben Sie vorerst auf Grund genauer Studien eine Geschichte der Arbeit. Ich | meine nämlich so: es wäre noch zu erweisen, wie in verschiedenen Religionen Zeiten u. Völkern die Arbeit geschätzt oder gering gehalten wurde. Das erscheint mir als eine in sich ergiebige als bedeutungsvolle Aufgabe.
Entschuldigen Sie meinen flüchtigen Hinweis, ich bin in den Vorbereitungen zur Abreise. Schreiben Sie mir wieder per Adr[esse] Gebrüder Paetel[4] (Lützowstr. 7) in Berlin.
Ich werde mich immer freuen, wieder von Ihnen zu hören.
Hochachtungsvoll erg[eben]
Berthold Auerbach.