Vaihinger an Eduard Zeller, Straßburg, 24.6.1879, 3 S., hs., Universitätsbibliothek Tübingen, http://idb.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/Md747-782
Straßburg, 24 Juni 1879.
Hochzuverehrender Herr Geheimrath![a]
Anbei erlaube ich mir Ihnen ganz ergebenst ein Specimen textkritischer Untersuchungen[1] zu überreichen, bei deren Ausarbeitung mir die Grundsätze vorschwebten, welche ich der Vorlesung „Über literarische und historische Kritik“[2] verdanke. Ich hatte das Glück, diese auch für den Philosophen so ungemein wichtige Vor|lesung bei Ihnen, hochzuverehrender Herr Professor, zu hören. Ich ergreife diese Gelegenheit, einen Wunsch, den ich schon damals die Ehre hatte, Ihnen persönlich zu äußern, und der mich seitdem häufig bewegte, den auch Alle theilen, denen ich von dieser Vorlesung erzählte (ich nenne z.°B. Herrn Professor Laas[3] hier) – Ihnen gegenüber zu berühren, Sie möchten diese Vorlesungen auch weiteren Kreisen durch den Druck bekannt geben. Niemand ist ja so, wie Sie, hochzuverehrender Herr Professor, in der Lage, das reiche Material, das Theologie, Geschichte, Philologie darbieten, mit philosophischer | Form und methodologischer Sicherheit zu verbinden. Die jüngere Generation zersplittert sich notgedrungen in Specialitäten und jene von Ihnen vertretene Universalität des Wissens und Könnens droht zu verschwinden. Außerdem bedarf aber auch die philosophische Forschung selbst, nicht blos soweit sie historisch-kritisch ist, sondern auch in vielen andren Beziehungen, solche methodologischen Principien, wie sie in jenen Vorlesungen enthalten sind.
Mit der Bitte, diesem Wunsche geneigte Berücksichtigung zu schenken, verbinde ich den Ausdruck aufrichtigster Verehrung und zeichne Ew.[4] Hochwohlgeboren ganz ergebenster
Dr. Hans Vaihinger
Priv[at] Doc[ent]