Richard Avenarius an Vaihinger, Wipkingen/Zürich, 11.3.1879, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 1 m, Nr. 10
Verehrter Herr College!
Vor allem empfangen Sie den Ausdruck der aufrichtigen Theilnahme, mit welcher mich die Nachricht von dem Tode Ihres Herrn Vaters[1] erfüllt hat! Und gestatten Sie mir, die Hoffnung hinzuzufügen, daß sich vor seinem Hinscheiden Alles ausgeglichen haben möchte, was vielleicht zuweilen den Anschein nicht vermied, als wolle es sich etwas gegensätzlich zwischen Sie und den Verstorbenen stellen. –
Für Ihren ausführlichen Brief[2], sowie für die in vorzüglichster Weise geschehene Erfüllung meiner confidentiellen Bitte[3] nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank! (Daß v. B. übrigens einfach das Thema meines Einführungsartikels[4] breitgetreten, ist mir natürlich, als ich einen Blick in das Buch[5] warf, nicht entgangen; ich bin mir aber noch nicht völlig klar, wie ich mich zu dieser Behandlung verhalten werde.)
Wenn ich (wofür ich nicht bürge) die interessanten Zeichen Ihres werthen Briefes recht entziffert habe, | so wünschen Sie, die 2.te Hälfte Ihres Artikels[6]: „Das Entwicklungsgesetz“ für jetzt nicht zu behandeln; dagegen würden Sie bereit sein, vornehmlich zum Zwecke der Wahrung der Priorität, den Grundgedanken Ihrer Schrift[7] „Ueber die Hilfsvorstellungen“ in gedrängter Kürze darzustellen u. dieser Darstellung dann event[uell] einige weitere zum selben Thema gehörige, etwas mehr ausführende Artikel folgen zu lassen.
Auch ich glaube, daß Sie gut thun werden, diesen Plan auszuführen – u. nicht allein der Prioritätswahrung willen. Ein guter Artikel wirkt oft u. nach wichtigen Seiten hin leichter u. sicherer als ein Werk von 2 Bänden!
Ich bitte Sie also zunächst, Ihrem Vorschlag gemäß, um die Darlegung des „Grundgedankens“; doch ersuche ich Sie, dieselbe nicht so nackt, d. h. nicht so ohne alle u. jede speciellere Hinweisung zu geben, daß vom Standpunkte des Publicums aus die Berechtigung, den Artikel zu veröffentlichen, für die Redaction zweifelhaft erscheinen könnte. | Die weiteren Artikel würden dann in geeigneten Zwischenräumen zu folgen haben.
Das Honorar würde RM. 30 pro Bogen betragen.
Daß es eine Zeitschrift für wissenschaftl[iche] Theologie[8] u. s. w. giebt, ist mir wohl bekannt; ich habe aber absichtlich nicht auf diese Thatsache in meiner Replik[9] mich bezogen, weil ich seiner Zeit in der betreffenden Comitésitzung von einem viel tieferen Grunde ernstester philos[ophischer] Ueberzeugungen aus die Bezeichnung „wissenschaftliche Philosophie“ vorschlug. Für mich hat der Ausdruck „wissenschaftliche Philosophie“ eine principielle Bedeutung, die durch die Analogie etwa mit der Zeitschr[ift] f[ür] wiss[enschaftliche] Zoologie[10] doch kaum erfasst sein dürfte; nun, für Sie, der Sie ja meine „Ph[ilosophie] a[ls] D[enken] d[er] W[elt]“[11] kennen, genügen diese Andeutungen. –
Genug für heute; ich bin überarbeitet u. doch ist das Semester noch immer nicht zu Ende: es kommen noch die furchtbar aufreibenden Examina!
Lassen Sie es sich gut gehen! Mit bestem Gruß Ihr ganz ergebenster
R. Avenarius.
Wipkingen b/Zürich, den 11.III.79.[12][a]
Wahrscheinlich[b] reise noch[c] in der nächsten Woche ein wenig in meine Heimath.[d]