Vaihinger an Heinrich Landesmann, Straßburg, 24.2.1878, 4 S., hs., Briefkopf Prägestempel: Monogramm H V in zwei ovalen Medaillons, darüber Blütenkranz, darunter Akanthuslaub, Wasserzeichen A PIRIE & SONS | 1856, Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-43401
Hochgeehrter Herr![a]
Durch Ihre reiche Sendung[1] haben Sie mich ungemein erfreut und spreche ich Ihnen meinen ganz ergebensten Dank aus. Die Abhandlung über den „Humor bei Kant“ habe ich sogleich gelesen und verdanke derselben werthvolle Anregung; sie interessirt[b] mich um so mehr, als sie mit einem | meiner Gedankengänge coincidirt. Die übrigen Sachen muß ich mir für die Ferien aufsparen. Doch werde ich einige Abschnitte Ihres „Naturgenusses“ – ein Werk durch das Sie sich ein dauerndes Denkmal gesetzt haben – noch für mein Colleg verwerthen können; insbesondere das „Erwachen des Sinnes für die im Mittelalter unterdrückte Natur“[2] interessirt mich, da ich in meiner Vorlesung über die Hauptsysteme der Philosophie[3] ge|rade an diesem Abschnitt stehe. So bin ich Ihnen denn von Herzen für diese reiche Schenkung verbunden, welche meinen Geist anregen, mein Gemüth poetisch stimmen wird.
Es wird mir stets nicht blos sehr ehrenvoll sein, sondern mich sicherlich auch sachlich fördern, wenn Sie mich mit Ihren Zuschriften beehren wollen. Nur bin ich selbst, in Folge meiner starken Beschäftigung, ein nicht immer zuverlässiger Correspondent. Es wäre mir aber außerordentlich erfreulich, wenn Sie gerade Ihren Ansichten über die Verbindung von Pessimismus und Optimismus Ausdruck verleihen wollten, sei es literarisch, sei es brieflich; denn dieser | Punkt ist ungemein wichtig für die Bildung einer Weltanschauung welche für die Zukunft sein soll: Ein Briefwechsel hierüber möchte in jeder Hinsicht belehrsam und anregend sein. – Kennen Sie Bahnsen’s Scherflein[4] und speciell seine Broschüre über den Humor[5][c]? Ich glaube, er will etwas Ähnliches, habe aber keinen Zeit gehabt, ihn zu lesen.
Ich erlaube mir Ihnen anbei meine Schrift zu überreichen und sehe Ihrer literarischen Äußerung über dieselbe mit Spannung entgegen. –
Ihre Schrift ist für mich ganz leserlich, und bitte ich Sie, in dieser Beziehung ganz nach Ihrer Bequemlichkeit zu verfahren.
Entschuldigen Sie meine Eile, und flüchtige Kürze: Tag für Tag verlangt das Colleg seine Zeitopfer.
Mit aufrichtigem Dank und besonderer Hochachtung Ihr ganz ergebenster
Dr Hans Vaihinger
Str[aßburg] 24/II 78.