Richard Avenarius an Vaihinger, Zürich, 5.5.1877, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 1 m, Nr. 5
Verehrtester Herr College!
Nehmen Sie meinen besten Dank für Ihre freundlichen Glückwünsche – ob zu einer freundlichen Geschickswendung, das muß nun freilich erst die Zukunft lehren! Hoffentlich darf ich Ihnen bald zur gleichen Gelegenheit[1] gratuliren – einstweilen nochmals meine besten Wünsche zur Eröffnung überhaupt Ihrer akademischen Thätigkeit!
Von hier ist vorläufig wenig zu berichten – ich leide an den Folgen der späten Berufung[2] u. habe unmäßig viel zu thun. Die „Studentinnen“ liegen völlig außerhalb meiner Sphäre. Frau N.[3], nach welcher Sie Sich so liebevoll erkundigen, hat nie bei mir gehört; auch sonst kann ich Ihnen keine Nachrichten über dies unglückliche Wesen senden.
Daß ich in Spencer meinen partiellen Vorgänger habe, wurde mir schon vor längerer Zeit von anderer Seite mitgetheilt u. mir zugleich das betr[effende] Material zur Verfügung gestellt. Werden Sie glauben, daß ich | absolut noch nicht die Zeit fand, nachzusehen, wie es sich hierin verhalte? Ich glaube gern, daß es der Fall ist. Ich bin auch überzeugt, daß dies so einfache u. natürliche Princip des kl[einsten] Kraftm[aßes][4] mehr u. mehr zur Erklärung herbeigezogen werden wird. Es freut mich, wenn Sie selbst ihre besorgliche Zurückhaltung ein wenig aufzugeben anfangen. Fechner hat das Princip u. sein von mir geschildertes Walten mir gegenüber anerkannt; auch in seiner neuesten Aesthetik es besprochen[5], indem er nur bekämpfte, daß es bis dato kein[a] allgem[eines] aesthet[isches] Grundprincip abzugeben vermöchte. (Was ich zunächst auch noch nicht behauptete obgleich ich etwas Kühnes zu denken mich berechtigt fühlte.[b][)]
Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie Ihre Beobachtungen nicht verheimlichten.
Ob ich meine Leipziger Vorträge[6] drucken lasse, ist mir sehr unwahrscheinlich. Mag sein, daß das eine falsche Bescheidenheit ist – aber ich bin wirklich der Ansicht, daß meine Ansichten nicht werth sind, den Druckerjungen zu bemühen – nachdem sie einem Studentenkreise für einen bestimmten lebendigen[c] Zweck vorgetragen sind.
Vielleicht, daß ich jedoch dem Usus folge u. meine Antrittsrede[7], die ich bereits vor 10 Tagen gehalten, veröffentliche. Vielleicht – vielleicht auch nicht. |
Ihren Artikel über Laas[8] habe ich wenigstens durchblättert, er scheint interessant zu sein. Mich interessirte jedenfalls, daß Sie nun doch mehr u. mehr auf die psychologischen Sprünge kommen. In Leipzig waren Sie noch ein gewaltiger reiner „Erkenntnisstheoretiker“ vor dem Herrn – Warum schlossen Sie Ihren Artikel nicht: „Wir hätten sonst ein Buch schreiben müssen[d] über das Buch, welches über ein Buch geschrieben ist.“ – ?
Hoffentlich haben Sie die beiden Broschüren[9] nicht – wie Sie avisirten – an mich abgesandt; ich habe Nichts erhalten u. möchte doch nicht gern, daß die Dinger verloren gegangen wären, wie mir bereits eine größere Kreuzbandsendung[10] verloren gegangen ist.
Nochmals die herzlichen Glückwünsche zum Beginn Ihrer akademischen Wirksamkeit u. die besten Grüße von Ihrem
R. Avenarius
Zürich, d. 5. Mai 1877.
Oberstraße, N 191.