Friedrich Paulsen an Vaihinger, Langenhorn (Nordfriesland), 8.9.1876, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 2 c–1
Langenhorn p[er] Mönkebüll
8.9.76
Verehrtester Herr Doctor,[a]
Sie haben mich überrascht durch die freundliche Uebersendung Ihres Essay;[1] nehmen Sie dafür meinen besten Dank. Ich habe noch nicht viel mich damit beschäftigen können, sehe jedoch soviel, daß Sie in trefflicher Auswahl eine Anzahl Erscheinungen gruppirt haben, welche geeignet sind von den heutigen philosophischen Bestrebungen Deutschlands auch dem ferner stehenden[b] eine Vorstellung zu geben. Ich zweifle daher nicht, daß Sie einen großen u. dankbaren Leserkreis für Ihre zugänglich u. lebhaft gehaltene Schrift finden werden. Ob ich mich werde entschliessen dieselbe anzuzeigen[2], ist mir noch fraglich. Ich kenne Dühring wenig u. Hartmann so gut wie gar nicht; habe | auch ersteren zu studieren gegenwartig[c] keine Zeit, letzteren schwerlich jemals Lust. Es wäre daher wenig angemessen, wenn ich mich dem Publicum als Vermittler zwischen Ihnen u. Ihrem Leser anbieten wollte. Auch würde Ihnen mit einer Beurteilung, die mit solchem Geständniß beginnen müsste, kaum gedient sein.
Uebrigens glaube ich, daß ich Dühring höher stellen würde als Sie zu thun scheinen. Sein Zukunftsoptimismus, den Sie ‚fürchterlich nüchtern u. petrolös‘[3] nennen, hat für mich etwas bessern Geruch. Auch seine antikritische Entschiedenheit in gewissen metaphysischen Angelegenheiten geht aus einem Habitus[d] des Denkens hervor, dem der meinige einigermaaßen[e] verwandt ist. Ich vermag mir seine Metaphysik, weder was die Ansicht über die Constitutive des einzelnen Wirklichen noch über die Beschaffenheit der Welt als Ganzer | anlangt, anzueignen. Dennoch bin ich geneigt ihr[f] viel mehr Recht einzuräumen als alten u. neuen Verdunklungen des Gesammtwissens, in Anschluß an Kantische Kritik. – Doch wir sind ohne Zweifel in diesem Punkt nicht sehr entfernter Ansicht.
Nochmals besten Dank. Ihr sehr ergebener
Fr. Paulsen.