Karl Philipp Fischer an Sophie Vaihinger, Bad Cannstatt, 13.5.1877, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 i

Hochgeehrte Frau Stadtpfarrer[1]!

Vor allem spreche ich Ihnen und Ihrem werthen Herrn Sohn meinen aufrichtigen Dank für das Zutrauen aus, mit dem Sie beyde mich beehrten[2]. So bereit ich jedoch wäre Ihren Wünschen zu entsprechen, so muß ich doch zu meinem Bedauern gestehen, daß ich aus dem Grunde auf Ihren Herrn Sohn in Erlangen[3] nicht aufmerksam machen kann, weil er, so sehr ich sein Talent und seine Richtung, die er mit Lange jun[ior][4] theilt, | schätze, nach meiner Ueberzeugung[a] auf seinem Standpunkt nicht geeignet ist, die Philosophie Studirenden, von welchen in Erlangen weit die meisten Theologen sind, zum Studium der Theologie vorzubereiten.

Indem ich mich durch den erwähnten Grund zu entschuldigen bitte, empfehle ich mich Ihnen und Ihrem werthen Herrn Sohn freundlichst und verbleibe mit besten Wünschen hochachtungsvoll Ihr ergebenster

Professor D.r[b] Fischer

Kommentar zum Textbefund

anach meiner Ueberzeugung ] Einfügung über der Zeile
bD.r ] kann auch D. heißen und den theologischen Doktortitel meinen

Kommentar der Herausgeber

1Frau Stadtpfarrer ] der Vater Hans Vaihingers, Johann Georg Vaihinger (1802–1879) war zuletzt evangelischer Pfarrer in Bad Cannstatt (NDB).
2Sie beyde mich beehrten ] Näheres nicht ermittelt
3in Erlangen ] Karl Philipp Fischer (1807–1885), Philosoph, nach Studium in Tübingen und München 1834 PD in Tübingen, lehrte seit 1837 als ao. Prof., seit 1841 als o. Prof. in Erlangen (unterbrochen durch längere Krankheit). 1865 Wiederaufnahme der Lehrthätigkeit, 1877 emeritiert (ADB).
4Lange jun. ]  so wörtlich; gemeint ist Friedrich Albert Lange (1828–1875), Sohn von Johann Peter Lange (1802–1884), reformierter Pfarrer, 1841 Prof. in Zürich, 1854 in Bonn (NDB).