Titelaufnahme
- TitelVaihinger an Fritz Mauthner, Halle, 19.9.1920, 4 S., Ts. mit eU, Briefkopf PROF. DR. HANS VAIHINGER | GEH. REG-RAT. | Halle a. S., den … 19… | Reichardtstr 15, Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up (S. 689–725)
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- StandortLeo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection
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Vaihinger an Fritz Mauthner, Halle, 19.9.1920, 4 S., Ts. mit eU, Briefkopf PROF. DR. HANS VAIHINGER | GEH. REG-RAT. | Halle a. S., den … 19… | Reichardtstr 15, Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up (S. 689–725)
19.9.1920[a]
Herrn Schriftsteller Fritz Mauthner, Meersburg.
Hochgeehrter Herr Dr.!
Die Einladung zu der Generalversammlung am 29. Mai der Kantgesellschaft[1] ist, wie an alle Mitglieder, so auch an Sie gesendet worden. In dieser Einladung findet sich im Programm auf der 3. Seite folgende Mitteilung: nach der geschäftlichen Sitzung von 8–10 Uhr, Pause von 10–10 1/4, von 10 1/4 bis 11 Uhr kurze Mitteilung von Schneider, Gerhard, Schulz, und Liebert. Dazwischen hinein ist noch folgende Notiz gestellt: „Teilnehmer, die sich für die Religionsphilosophie besonders interessieren, seien darauf hingewiesen, dass unser Mitglied Herr Pastor Bauke in der Kirche D[er] L[ieben] Frauen auf dem Markte in seiner Predigt auf die Tagung der Kantgesellschaft Bezug nehmen wird.“
Der betreffende Pastor Bauke[2] ist ein langjähriges Mitglied der K. G.[3], er hat uns mitgeteilt, dass er in seiner Predigt auf die Tagung der K. G. Bezug nehmen werde und uns gebeten, darauf im Programm hinzuweisen.
Die Verhandlungen der K. G. fanden an der Universität statt. Nach Schluss der geschäftlichen Sitzung um 10 Uhr gingen die Verhandlungen der Kantgesellschaft nach kurzer Pause in demselben Raum weiter und es sprachen die genannten 4 Herren. Während dieser Zeit sprach in der ziemlich weit davon entfernten Kirche der genannte Pfarrer seine Predigt, soweit wir bemerken konnten, hat sich übrigens keiner der Teilnehmer aus dem Universitätsgebäude in die Kirche begeben.
Dies ist also keine „kirchliche Feier“ der Kantgesellschaft als solcher gewesen, und die Sache war in jeder Hinsicht Einwand frei[b].
Wenn im nächsten Jahr die Tagung der K. G.[4] auf einen Sonnabend fällt und wenn dann unser langjähriges Mitglied der hiesige Rabbiner Dr. Kahlberg uns eine ähnliche Mitteilung machen sollte, so werden wir ebenso gerne darauf hinweisen. |
Es ist etwas ganz anderes was in solchen Fällen die Engländer und Amerikaner machen: so findet jetzt Freitag den 24. bis Montag den 27. September in Oxford ein philosophischer Congress[5] statt, an welchem auch Franzosen teilnehmen, vor allem Bergson, der einen Vortrag dort hält. Für den Sonntag heisst es im Programm: „A Special Service in the Cathedral with sermon by the Very Rev. T. B. Strong, Dean of Christ Church.“
Zu diesem Special of Service[c] sind alle Mitglieder eingeladen, dieser Special of Service ist ein Teil des Programms, während dem Special finden keine anderen Verhandlungen statt, erst nach demselben, gehen die Verhandlungen weiter. Das ist also eine richtige Kirchliche Feier des ganzen philosophischen Congresses in Oxford. So machen es also die Engländer und ihre Gäste die Franzosen.
Etwas ganz anderes ist dagegen die in dem Programm der K. G. enthaltene Notiz resp. der Hinweis auf eine Predigt, die zeitlich mit den Verhandlungen der K. G. zusammenfiel und eben damit als etwas bezeichnet wurde was außerhalb des eigentlichen Programmes steht.
Es ist ja sehr erfreulich, wenn Prediger der verschiedenen Konfessionen, sowie auch von freireligiösen Gemeinden Mitglieder der K. G. sind, ebenso auch Prediger der Synagogen[d] Gemeinden und wenn diese ihr Interesse an Kant und der K. G. betätigen[e], zumal in der harmlosen Form wie dies in der diesjährigen Tagung der K. G. geschehen ist.
Inliegend sende ich Ihnen ein Exemplar der Einladung, dessen Rücksendung ich aber unbedingt erwarten muss, da es den Akten der K. G. entnommen ist.
Ich hoffe, dass Sie nach dieser Aufklärung über die Sache beruhigt sein werden.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Vaihinger |
Halle 19.9.1920.
P. S. Vorstehenden Brief habe ich auf dem Krankenlager diktiert, ich bin seit 14 Tagen bettlägerig, aber es geht nun wieder aufwärts.
Ich bedaure sehr zu erfahren, dass auch Sie an den Augen leiden. Da ich fast blind bin, habe ich seit vielen Jahren intelligente[f] junge Mädchen, die mir vorlesen und denen ich diktiere. Ich empfehle Ihnen dasselbe. Meine Frau, die sich sehr für meine Arbeiten interessiert, hat leider nicht die Zeit und die Kraft dazu, mir zu helfen, und so habe ich seit Jahren jenes System eingeschlagen mit bestem Erfolg. Man bekommt jetzt auch leicht dafür Volontärinnen.
Sie haben Recht, dass die Schrift gegen den Dr. Bund diesem zu viel Ehre macht. Aber die Sache ist so: Dieser Mensch schickte sein Buch 1915 an das preussische Kultusministerium, bei dem er mich richtig denunzierte. Das Ministerium hat mich in sehr anständiger Weise um ein Urteil über das Buch gebeten und so schrieb ich nach längerem Zögern dieses Urteil nieder. Nachdem es in Berlin seine Wirkung getan hatte, wollte ich aber die mühsame Arbeit doch nicht umsonst getan haben und nicht bloss in den Berliner Akten begraben sein lassen. Es fand sich bald eine Gelegenheit zum Druck. In einer 2. Auflage[6] der Schrift, die wohl bald kommen wird, werde ich im Vorwort diesen Zusammenhang aufdecken.
Dass Prof. Rickert Ihnen so unfreundlich begegnet, ist recht bedauerlich, so viele Gelehrte können sich nicht daran gewöhnen auch solche Werte[7] anzuerkennen, die von der üblichen schulmässigen Form abweichen. Übrigens ist der Stern von Rickert schon im Abnehmen. |
Das Totschweigen verstehen dieselben Herren[g] ausgezeichnet. Der von Rickert inspirierte „Logos“ die bekannte philosophische Zeitschrift hat meine Ph[ilosophie] d[es] A[ls] O[b] bis jetzt nicht recensiert[h], trotzdem er 2 Recensionsexemplare[i] im Lauf der Jahre erhalten hat[8].
Meine Sammlung zur Fichte-Forberg Sache[9] ist sehr wertvoll. Auch gehört sie in sofern nur noch halb mir, als meine Bibliothek im Prinzip schon verkauft ist. Aber trotzdem will ich die Sammlung Ihnen schicken, natürlich als Paket mit hoher Wertangabe. Ich bitte Sie mir mitzuteilen, dass Sie sich verpflichten, die Sammlung mit derselben Wertangabe noch im Verlaufe dieses Jahres zurück zu schicken.
Es ist sehr zweckmässig, dass Sie zur Recension[j] der neuen Auflage der Ph. d. A. O. Ihren älteren Aufsatz wieder abgedruckt haben. Sehr verbunden wäre ich Ihnen, wenn Sie mir von diesem Wiederabdruck auch ein Exemplar zukommen liessen.
Ich freue mich sehr zu hören, dass Ihre Kritik der Sprache trotz des Widerstandes der Professoren unter den Studierenden um sich greift. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.[10]
Mit bestem Gruss
V.[k]
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
2↑Pastor Bauke ] Hermann Bauke (1886–1928), nach 1918 Pfarrer der Kirche Unser lieben Frauen in Halle, im April 1921 an der Universität Halle für das Fach Historische Theologie habilitiert (https://www.catalogus-professorum-halensis.de/baukehermann.html (25.9.2024)).3↑langjähriges Mitglied der K. G. ] trifft nicht zu; Bauke ist zwischen Juli und September 1919 in die Kantgesellschaft eingetreten, vgl. Kant-Studien 24 (1920), S. 361.4↑im nächsten Jahr die Tagung der K. G. ] die Mitgliederversammlung der Kantgesellschaft für 1921 fand wegen Ungunst der Verhältnisse nicht statt, vgl. Kant-Studien 27 (1922), S. 252; die nächste Jahresversammlung datiert vom 7.6.–8.6.1922.5↑philosophischer Congress ] vgl. z. B. den Bericht: Minutes of the Proceedings of the Congress of Philosophy at Oxford, September 24th–27th, 1920. In: Proceedings of the Aristotelian Society. New Series 20 (1919/1920), S. 304–306.6↑2. Auflage ] eine 2. Aufl. von Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob und das Kantische System gegenüber einem Erneuerer des Atheismusstreites (vgl. Vaihinger an Mauthner vom 6.9.1920) ist nicht erschienen.7↑solche Werte ] womöglich Seitenhieb auf die Wertphilosophie der sogenannten Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus um Windelband und Rickert.8↑erhalten hat ] vgl. Vaihingers Vorwort zur 9. und 10. Aufl. von Die Philosophie des Als Ob. Leipzig: Meiner 1927, S. XXI–XXII, mit Seitenhieben auf die Zeitschrift Logos und Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen Formen (1923, 1925): Habe ich so dem günstigen Schicksal zu danken, so habe ich doch andererseits über die Ungunst derjenigen Kreise mich zu verwundern, welche an erster Stelle dem Werke ihre ernste Aufmerksamkeit hätten schenken sollen. Die berufenen „Bekenner“ der philosophischen Wissenschaften haben sich zu einem großen Teile dem Werke kühl gegenübergestellt. Nicht etwa, daß der Inhalt der Philosophie des Als Ob von einem entgegengesetzten Standpunkt aus ernst und überzeugend widerlegt worden wäre, nein, es entstand und besteht sozusagen eine stillschweigende, instinktive Abneigung gegen das Werk, die dazu führt, die Philosophie des Als Ob an den höchsten Lehranstalten auszuschalten. […] Eine philosophische Zeitschrift sogar, die nach ihrem Titel die Vernunft repräsentieren sollte, ist so unvernünftig, zu glauben, sie könne durch absolutes Totschweigen die Wirkung des Werkes dauernd verhindern: trotzdem sie bisher im Laufe der Jahre mehrere Besprechungsexemplare erhalten und behalten hat, hat sie konsequent geschwiegen. […] So ergeht es z. B. der Lehre vom mythischen Denken, die in der Philosophie des Als Ob […] oft und teilweise sehr eingehend behandelt worden ist. […] Jetzt wird dieselbe Lehre als Theorie des symbolischen Erkennens verbreitet, ohne daß der Philosophie des Als Ob dabei überhaupt gedacht wird, die doch zuerst vom philosophischen Standpunkt aus Symbolik und Mythologie würdigt und dadurch eine Pionierarbeit geleistet hat.▲
