Titelaufnahme
- TitelVaihinger an Ernst Mach, Halle, 11.9.1884, 4 S., hs., Deutsches Historisches Museum München, Nachlass Ernst Mach, https://digital.deutsches-museum.de/item/NL-174-3115/
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- StandortDeutsches Historisches Museum München, Nachlass Ernst Mach,
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Vaihinger an Ernst Mach, Halle, 11.9.1884[1], 4 S., hs., Deutsches Historisches Museum München, Nachlass Ernst Mach, https://digital.deutsches-museum.de/item/NL-174-3115/
Halle a/S.
den 11. September 1884
Verehrter Herr Professor!
Bei meiner Rückkehr, die sich durch einen mehrtägigen Aufenthalt in Dresden verzögerte, fand ich Ihre freundliche Karte[2] vor. Mit dem Dank für Ihre große Liebenswürdigkeit verbinde ich den Ausdruck lebhaftesten Bedauerns, daß Sie mich verfehlt haben, da ich, ohne Hoffnung auf Besserung der Witterung, schon in aller Frühe abgereist war. Ich bedaure das nachträglich, da ich gerne über mehrere Punkte Ihrer Schriften noch Ihre weitere mündliche Belehrung einholen würde. Ihren mir freundlichst mitgegebenen Vortrag über „Die ökonomische Natur der physicalischen Forschung“[3] habe ich mit großem Interesse gelesen, und ich suche immer mehr in den Zusammenhang Ihrer methodologischen Auffassung mit Ihren philosophischen[a] Positionen (in engerem Sinn) einzudringen, da | mir diese Gedankenreihen ebensosehr sachlich wie in der Art ihrer Gewinnung und Darstellung sehr sympathisch sind. Gestatten Sie mir, en revanche[b] Ihnen einige Arbeiten von mir beizulegen. In meinen früheren Publicationen bin ich von Lange’s Geschichte des Materialismus sehr stark beeinflußt gewesen, wie dies besonders in einer eigenen Schrift über Lange[4] der Fall gewesen ist. Später habe ich, unter dem Einfluß naturwissenschaftlicher, psychologischer, logischer, erkenntnißtheoretischer Studien, den einseitigen Kantianismus Langes empiristisch ergänzt, nicht ohne Beeinflussung durch Avenarius, den ich sehr hoch schätze und von dem ich noch sehr viel erwarte. Ein Zeugniß dieser empiristischen Weiterbildung gestatte ich mir Ihnen in dem Aufsatz: „Das Entwicklungsgesetz der Vorstellungen über das Reale“[5] beizulegen; er ist in der Zeitschrift von Avenarius im Jahre 1878 erschienen. Ich glaube, daß Sie in demselben eine der Ihrigen nahe verwandte Auffassung der letzten erkenntnistheoretischen Probleme finden werden. |
Späterhin sah ich mich durch verschiedene äußere und innere Gründe veranlaßt, mich zunächst mehr mit historisch-kritischen Arbeiten zu befassen. Ich begann einen Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, nicht als Anhänger oder Apologet, sondern als unbefangener exacter Exeget, zugleich aber durch die schärfste immanente Kritik die Unhaltbarkeit der Kantischen Position aufzuzeigen. Außer der etwas populären Jubiläumsvorlesung[6] gestatte ich mir, meine letzte Arbeit dieser Art[7] über den berühmten Abschnitt der Kr[itik] d[er] r[einen] V[ernunft] (Widerlegung des Idealismus) Ihnen beizulegen; ich wage die Hoffnung, daß das Thema auch Ihr freundliches Interesse erwecken dürfte; der erste Theil gibt eine historische Übersicht über die Entwicklung des fraglichen Punktes, der zweite Theil den Nachweis der vollständigen Unhaltbarkeit der Kantischen Annahmen; die Beschränkung auf eine immanente Kritik dabei ist zwar ein schmerzliches Opfer, aber sie ist methodisch in diesem Falle absolut geboten. |
Monistische Gedanken in dem Sinne, wie Sie das Wort nehmen, hat auch, freilich in sehr absonderlicher Form, Czolbe[c] ausgesprochen, über den ich in den „Philosophischen Monatsheften“ Jahrg[ang] 1876, eingehend berichtet[8] habe; Avenarius, der den Bericht kennt, fand die Ähnlichkeit auch. In sehr seltsamer und unwissenschaftlicher Form finden sich Anklänge davon bei J. H. von Kirchmann[d]; von diesem erschien u. A. im Jahre 1880 ein Vortrag: „Über die Gegenständlichkeit der in den Sinneswahrnehmungen enthaltenen Eigenschaften der Dinge“ (in den Verhandlungen der Philos[ophischen] Gesellschaft in Berlin. Leipzig, Koschny 1880). Sollte dies vielleicht die von Ihnen gesuchte „kleine Schrift“ sein?
Noch eins. Sie sprachen, bes[onders] in Ihrer Geschichte der Mechanik[9] mehrfach von Hilfsvorstellungen (Fictionen). Mit diesem Thema habe ich mich viel, sehr viel beschäftigt. Im Jahre 1876 habilitirte ich mich in Straßburg mit einer großen Schrift über dieses Thema[10], welche aber bis jetzt ungedruckt geblieben ist; aus mehreren Gründen habe ich deren Veröffentlichung auf eine spätere Zeit verschoben. Ich behandle darin alle Hilfsvorstellungen in sämtlichen Wissenschaften, gebe eine vollständige logische Theorie derselben und begründe, unter Aufdeckung der fundamentalsten derselben (z. B. Atom) den erkenntnißtheoretischen Monismus und damit die moderne Weltbetrachtung in einer wie ich glaube ganz selbständigen Weise.
Mit dem Ausdruck besonderer Hochachtung Ihr ganz ergebenster
H. Vaihinger.
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
1↑Vaihinger an Ernst Mach, Halle, 11.9.1884 ] Erstabdruck in: K. D. Heller: Ernst Mach. Wegbereiter der modernen Physik. Mit ausgewählten Kapiteln aus seinem Werk. Mit 1 Porträt. Wien/New York: Springer 1964 (https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-7091-8112-6.pdf (9.8.2024)), S. 161–163.3↑„Die ökonomische Natur der physicalischen Forschung“ ] vgl. Mach: Die ökonomische Natur der physikalischen Forschung. Vortrag gehalten in der feierlichen Sitzung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften am 25.5.1882. In: Almanach der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien Nr. 32 (1882), S. 159–183.4↑Schrift über Lange ] vgl. Vaihinger: Hartmann, Dühring und Lange. Zur Geschichte der deutschen Philosophie im XIX. Jahrhundert. Ein kritischer Essay. Iserlohn: J. Baedeker 1876.5↑„Das Entwicklungsgesetz der Vorstellungen über das Reale“ ] vgl. Vaihinger: Das Entwickelungsgesetz der Vorstellungen über das Reale. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 2 (1878), S. 298–313 u. S. 415–448.6↑populären Jubiläumsvorlesung ] vgl. Vaihinger. Zum Jubiläum von Kant’s „Kritik der reinen Vernunft“. In: Im neuen Reich 11 (1881), Bd. 1 von Januar–Juni, S. 861–874.7↑meine letzte Arbeit dieser Art ] vgl. Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus. In: Strassburger Abhandlungen zur Philosophie. Eduard Zeller zu seinem siebenzigsten Geburtstage. Freiburg i. Br./Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1884, S. 85–164.8↑eingehend berichtet ] vgl. Vaihinger: Die drei Phasen des Czolbe’schen Naturalismus. Vortrag im Philosophischen Verein zu Leipzig. In: Philosophische Monatshefte 12 (1876), S. 1–32.9↑in Ihrer Geschichte der Mechanik ] vermutlich gemeint: Mach: Die Mechanik in ihrer Entwickelung historisch-kritisch dargestellt. Leipzig: Brockhaus 1883, S. 475: Wenn z. B. chemische, elektrische, optische Erscheinungen durch Atome erklärt werden, so hat sich die Hülfsvorstellung der Atome nicht nach dem Princip der Continuität ergeben, sie ist vielmehr für diesen Zweck eigens erfunden; S. 476: Die Atomtheorie hat in der Physik eine ähnliche Function, wie gewisse mathematische Hülfsvorstellungen, sie ist ein mathematisches Modell zur Darstellung der Thatsachen; S. 476: Als solche mathematische Hülfsvorstellungen können auch Räume von mehr als drei Dimensionen nützlich werden, wie ich dies anderwärts auseinander gesetzt habe; S. 478: Diese Hülfsvorstellungen selbst haben aber mit der Erscheinung an sich nichts zu schaffen. Vgl. auch Mach: Die Geschichte und die Wurzel des Satzes von der Erhaltung der Arbeit. Vortrag gehalten in der K. Böhm. Gesellschaft der Wissenschaften am 15. Nov. 1871. Prag: Calve 1872, S. 50–51 (Anm. 2): Ueber die Definition der Masse. Der Zustand, dass die Grundsätze der Mechanik weder ganz a priori, noch ganz durch die Erfahrung gefunden werden können […], bringt eine eigenthümlich ungenaue und unwissenschaftliche Betrachtung dieser Gegenstände und Grundbegriffe mit sich. Es wird selten genügend klar gestellt und getrennt, was a priori einzusehen, was Erfahrung, was Hypothese sei. Ich kann mir nun eine wissenschaftliche Darstellung der Grundsätze der Mechanik nur so denken, dass man diese Sätze als Hypothesen ansieht, zu welchen die Erfahrung hindrängt und dass man nachträglich zeigt, wie so die Ablehnung dieser Hypothesen zu Widersprüchen mit den bestconstatirten Thatsachen führen würde. […] Das Gesetz der Trägheit wird z. B. häufig so dargestellt, als ob es keiner Stütze durch die Erfahrung bedürfte, während es doch nur aus dieser stammen kann.10↑großen Schrift über dieses Thema ] vgl. Vaihinger an Mach von Frühjahr 1911, vom 20.5. u. 29.5.1911 sowie Vaihinger: Wie die Philosophie des Als Ob entstand. In: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen Bd. 2. Hg. v. Raymund Schmidt. Leipzig: Meiner 1921, S. 191–192: In den letzten Monaten des Jahres 1876 schrieb ich nun als Habilitationsschrift meine Gedanken in einem großen Manuskript nieder, dem ich den Titel gab: „Logische Untersuchungen. 1. Teil: Die Lehre von der wissenschaftlichen Fiktion.“ Da ich seit mehreren Jahren das Material sorgfältig gesammelt und oft und gründlich durchdacht hatte, ging die Niederschrift rasch vor sich. Zu Neujahr reichte ich das Manuskript ein und Ende Februar 1877 hatte ich schon die venia legendi in der Hand. Was ich der Fakultät einreichte und was sie in dieser Weise approbierte, das ist genau dasselbe, was im Jahre 1911 als „erster prinzipieller Teil“ der „Philosophie des Als Ob“ im Druck erschienen ist. Ich entwickelte darin das ganze System der wissenschaftlichen Fiktionen, d. h. der Als-Ob-Betrachtungen, die in den verschiedensten Wissenschaften praktisch angewendet werden, und suchte eine erschöpfende Theorie dieses mannigfaltigen Als-Ob-Verfahrens zu geben.▲
